Beitragsbild von: Bob Jagendorf, Lizenz: CC BY-NC 2.0

Warum ich (immer noch) mit Nazis diskutiere

Mit Nazis diskutiert man nicht, über Nazis lacht man“ – so heisst ein weit verbreitetes Credo. Das Aufkeimen des Rassismus  und der massiven Aggressivität gegenüber Flüchtlingen in den letzten Monaten, nicht nur, aber auch in den sozialen Medien, hat mich dazu gebracht, diese Haltung zu reflektieren. Wie geht man mit diesem Hass und den Vorurteilen in dieser neuen Qualität um, was kann man dagegen tun? Ich habe versucht, für mich darauf eine Antwort zu finden.

Doch zunächst muss man sich natürlich die Frage stellen, warum viele, die sich mit Rechtsextremismus befassen, im realen „offline“-Leben eine Diskussion mit Nazis kategorisch ablehnen:

Gefahren und Probleme bei der Diskussion mit Nazis

  1. Menschen mit einer rassistischen oder sogar rechts-radikalen Gesinnung haben kein Interesse an einem Meinungsaustausch. Sie lassen sich nicht von besseren Argumenten überzeugen und wollen das auch gar nicht – ihnen geht es um die Erlangung der Oberhand im Diskurs um rechte Themen und die Gewinnung neuer Gleichgesinnter für die eigene Sache.
  2.  Fremdenfeindlichkeit, Hass und Gewalt sind nicht diskutierbar. Eine Diskussion um genau diese Themen bietet immer die Gefahr, das Gegenüber aufzuwerten, den Eindruck zu erwecken, Menschenrechte oder der Schutz vor Diskriminierung seien verhandelbare Rechtsgüter. Dieser Eindruck darf unter keinen Umständen entstehen.
  3. Manchmal erhalten Rechtsradikale durch eine umfassende Diskussion überhaupt erst Aufmerksamkeit für ihre Position, die sie nicht bekämen, wenn sich einfach niemand an einer Diskussion beteiligen würde (im Internet bekannt als der sog. „Streisand-Effekt„)
  4. Rechte Gruppierungen benutzen die sog. „Wortergreifungsstrategie„, um in Diskussionen die thematische Oberhand zu gewinnen, reale, sachliche Diskussionen zu unterbinden und die eigene Propaganda ungestört verbreiten zu können. Viele Veranstaltungen, die einen sachlichen Diskurs zum Ziel hatten, werden auf diese Weise gesprengt und ad absurdum geführt.

Gilt das auch für das Internet ?

Diese Argumente sind nicht von der Hand zu weisen und für eine Diskussion ausserhalb des Internets mag der Weg, Diskussionen aus dem Weg zu gehen, auch der Richtige sein.

Doch im Internet, insbesondere den sozialen Medien, lassen sich rechte Mit-Diskutanten meist nicht so ohne Weiteres ausschliessen.  Niemand läd sie zu einer Diskussion ein – sie sind einfach da, fluten die Foren, kommentieren, posten, twittern.

Das Problem sind hier nicht nur die klaren, eindeutigen Hass-Botschaften – diese können (und sollten) dem Seitenbetreiber gemeldet oder deren Urheber ggf. sogar wegen Volksverhetzung angezeigt werden. Problematisch sind auch fremdenfeindliche, rassistische Aussagen, die sich noch im Rahmen der Legalität bewegen und deshalb nicht gesperrt oder gelöscht werden:

Natürlich wird auch im Internet die Wortergreifungsstrategie angewandt – dort ist es aber in der Regel (insbesondere in nicht-moderierten Medien) praktisch nicht möglich, jemanden an der Verbreitung von Propaganda und dem Streuen von Falschinformationen zu hindern.

Eben deshalb ist es in meinen Augen so wichtig, rechte Thesen im Internet  nicht unwidersprochen stehen zu lassen, und, wie es die Journalistin Anja Reschke sagt, den „Mund aufzumachen“ und „Haltung zu zeigen“. Nicht, weil ich glaube, dass dadurch Rassisten , Nazis und andere Hohlköpfe überzeugt werden können – sondern weil man ihnen die Argumentationshoheit, die sie versuchen, durch immer neue Kommentare zu erlangen, wieder wegnehmen muss. Es muss deutlich gemacht werden, dass Rassisten mit ihrem Weltbild in dieser Gesellschaft keinen Platz haben und die absolute Minderheit sind.

Ziel der neuen Rechten ist ein schleichender, breiter gesellschaftlicher Konsens für ihre Thesen

Wer die Propaganda der sog. „neuen Rechten“ im Netz verfolgt, wird feststellen, dass sich neben den plumpen, stumpfen, hass-erfüllten Attacken eine neue Form der Verbreitung rechten Gedankenguts etabliert hat. Auch in neu-rechten Kreisen hat man nämlich verstanden, dass das Bild des prügelnden, gröhlenden Neo-Nazis nicht konsensfähig ist.

Man versucht daher, rassistische Thesen zum Schein zu rationalisieren und auf ein intellektuelles Niveau zu heben. Folgende Strategien lassen sich dabei erkennen:

  • Scheinbare Differenzierung, um den Eindruck einer liberalen Weltanschauung zu erwecken, meist in Kombination mit Falschbehauptungen („Ich bin ja auch der Meinung, dass man Kriegsflüchtlingen helfen muss – aber die Meisten, die zu uns kommen, sind Wirtschaftsflüchtlinge, denen es zu Hause auch nicht schlecht ging“)
  • Instrumentalisierung realer und berechtigter Sorgen und Nöte für fremdenfeindliche Scheinargumente (z.b. „Unsere Rentner haben heute schon kaum noch Geld zum Leben, da müssen wir nicht noch Flüchtlinge durchfüttern“)
  • Unzulässige Pauschalisierung von persönlich erlebten oder auch offiziell berichteten Einzelfällen (z.b. „In einem Asylbewerberheim in meiner Nachbarschaft ist es zu einer Messerstecherei gekommen“ wird als Beleg für die vermeintliche generelle Gewaltbereitschaft von Flüchtlingen genommen).
  • Vermischen von Korrelation und Kausalität (z.b.: Aus  „In Stadtteilen mit einem hohen Ausländeranteil ist die Kriminalität vergleichsweise hoch“ (Korrelation) wird „Schuld an der Kriminalität sind die Ausländer“ (Kausalität)
  • Herausreissen von Zitaten, Studienergebnissen und Berichten aus dem inhaltlichen Zusammenhang, so wie inhaltiche Verfälschung zur Zuspitzung, um den eigenen Standpunkt zu untermauern (hierzu später mehr)
  • Versuch zur Diskreditierung der Kritik der Diskussionsgegner durch Verweis auf die Meinungsfreiheit
  • Verhöhnung von Begriffen, die von der Gegenseite für einen sachlichen Diskurs verwendet werden (z.b. „Einzelfälle“ oder „Fachkräfte“ als ironischer Kampfbegriff) sowie Diffamierung der Mitdiskutanten („Gutmenschen“ als Schimpfwort o.ä.)
  • Pseudo-Rationalisierung durch Bezugnahme auf vermeintlich höhere Interessen („die schweigende Mehrheit“, „das Volk“, „unsere Kinder“,…)
  • Eröffnen von Nebenkriegsschauplätzen zur Ablenkung, auch bekannt als „Whataboutism“ (z.b. „Warum nimmst Du nicht selbst jemanden bei Dir auf“ als Reaktion auf den Aufruf zur Unterstützung von Flüchtlingen)
  • Anwenden von Querfrontstratgeien, d.h. der Versuch, Meinungsbilder aus dem vermeintlich linken Spektrum (z.b. Kapitalismuskritik) mit rechten Ideologien (z.b. Antisemitismus) vermischen

Dass Problem ist: Durch immer wieder erneutes Anwenden dieser Mechanismen und Verfassen entsprechender Posts entsteht – wenn es keinen Widerspruch gibt – eine gewisse „Schein-Realität“ (vgl. hierzu den Wahrheitseffekt in der kognitiven Psychologie). Plötzlich sind Flüchtligne allesamt kriminell und gewalttätig, da ja „alle Studien und Berichte“ (= die, die rechte Seite für diesen Zweck ausgesucht und gepostet hat) das belegen. So gibt es inzwischen Web-Seiten, die kriminelle Vorfälle mit Asylbewerbern sammeln, um daraus eigene Statistiken zu erstellen, die (andres als die offiziellen Statistiken des BKA und BAMF) versuchen, einen direkten Zusammenhang zwischen Herkunft und Gewaltbereitschaft oder Kriminalität herzustellen.

Menschen, die diese Mechanismen nicht durchschauen, lassen sich von dieser Schein-Realität einlullen, und sind damit schon Teil der rechten Propaganda-Maschine. Und die Versuchung ist groß: Viele sind (zum Teil auch zu Recht) unzufrieden mit der Politik, fühlen sich allein gelassen und nicht beachtet. Dazu kommen unter Umständen eigene, negative Erfahrungen mit Flüchtlingen oder Ausländern im Allgemeinen – die rechte Ideologie bietet mit ihren einfachen, nicht differenzierenden Antworten und dem Versuch, diese als gesellschaftlich akzeptiert darzustellen, den perfekten Nährboden, um aus Vorurteilen Hass und Gewalt entstehen zu lassen.

Dagegen hilft m.E: nur eins: Original-Quellen suchen, prüfen, widerlegen, eigene Position fundiert und rational belegen. Wieder und wieder. Nicht, um Nazis und andere rechte Gruppierungen argumentativ zu überzeugen, sondern um die Versuche zur Täuschung und Falschinformation mit dem Ziel der Hetze als solche zu enttarnen.

Beispiel: Der Dalai Lama und die Flüchtlinge

Mit einem Beispiel möchte ich verdeutlichen, wie versucht wird, durch gezielte Falsch-Information die argumentative Oberhand in einer Diskussion zu erlangen:

In diversen Facebook-Diskussionen über Flüchtlinge werden einschlägige rechte Seiten verlinkt, die dieses angebliche Zitat des Dalai Lama über Flüchtlinge veröffentlichen:

Wenn es zu viele Zuwanderer gibt, muss man auch einmal den Mut aufbringen zu sagen, dass es genug ist.

Warum dieses Zitat so häufig angebracht wird, ist klar: Wenn selbst der Dalai Lama, selbst ein Verfolgter und jahrelang im Exil lebender Friedensnobelpreisträger so etwas sagt, wer kann dem Gesagten da noch widersprechen?

Die Frage ist zunächst einmal: Hat der Dalai Lama das so gesagt? Nun, er hat  in der Tat so etwas Ähnliches gesagt:

Sympathizing with the difficult situation faced by the refugees, His Holiness said we should provide as much as we can to help. But when we can’t, we should say so.

(Übersetzung: [Da er] die schwierige Situation, in der sich Flüchtlinge befinden, nachfühlen könne, sagte seine Heiligkeit, dass wir so viel wir können tun sollten, um zu helfen. Aber wenn wir es nicht können, sollten wir das sagen).

An dieser Stelle sei angemerkt, dass der Dalai Lama sich bei diesem Zitat mitnichten allgemein zur Flüchtlingslage in Europa oder gar Deutschland geäußert hat, sondern zur ganz konkreten Situation in Italien, als er von einem Reporter darauf angesprochen wurde. Dieses Zitat auf die Situation in ganz Europa oder gar Deutschland zu beziehen, ist also schon mal falsch.

Es geht aber noch weiter: Was der Leser der einschlägigen Propaganda-Seiten nämlich auch nicht erfährt, ist dies:

He called on the richer nations to help poorer countries by providing educational, economic and technical support. He stated that the refugee problem was man-made and that everyone should take moral responsibility for this. He then touched on the concept of ‚we‘ vs. ‚they‘, which he said was outdated and the root of all problems.

(Übersetzung: Er forderte die reicheren Nationen auf, den ärmeren Ländern durch Unterstützung in Bildung, Wirtschaft und Technik beizustehen. Er machte klar, dass das Flüchtlingsproblem menschen-gemacht ist, und dass jeder dafür moralische Verantwortung übernehmen sollte. Er griff daraufhin das Konzept von „Wir“ gegen „die“ auf, das, wie er sagte, veraltet und Wurzel aller Probleme sei)

Dies ist nur ein Beispiel, wie durch einen einfachen Trick ein völlig anderer Sinnzusammenhang hergestellt wird,  der dann genutzt werden kann, um eine Pseudo-Rechtfertigung für eine ablehnende Haltung gegenüber Flüchtlingen zu herzustellen.

(Anmerkung: In der Zeit, in der ich an diesem Blog-Artikel gearbeitet habe, sind immer dreistere Versuche der rechten Manipulation aufgetaucht. Die Seite Mimikama hat ein paar davon gesammelt)

Wie geht man aber nun damit um, wenn einem so etwas in einem Forum oder Facebook begegnet? Nun es gibt ein paar einfache

Tipps für die Diskussion mit Nazis und anderen Neu-Rechten

Wer sich selbst in eine Diskussion mit Neu-Rechten begibt, sollte auf ein paar Dinge achten:

  • Belege Deine Thesen sachlich & wenn möglich wissenschaftlich durch Angabe von Quellen – sei aber auch deutlich! Rassismus und Rechtsextremismus darf und muss als solcher benannt werden.
  • Versuche nicht, Rassisten zu überzeugen – Menschen mit radikalem Gedankengut wollen keinen Meinungsaustausch. Du argumentierst nur für die, die es wert sind, überzeugt zu werden!
  • Lass Dich auf keine scheinheiligen Differenzierungen ein! (Wirtschaftsflüchtlinge vs. Kriegsflüchtline, Migrationswillige vs. Migrationsunwillige Migranten,Christen vs. Muslime usw.)
  • Kämpfe nicht auf Nebenkriegsschauplätzen, die von rassistischen, fremdenfeindlichen Aussagen ablenken sollen, kennzeichne Whataboutism als solchen.
  • Ignoriere Diffamierungen, werde selbst nicht persönlich sondern bleibe oberhalb der Gürtellinie! Greife Rassisten wegen ihrer Aussagen an, nicht wegen ihres Äußeren, Ihres Musik-Geschmacks, ihres Wohnortes oder ihrer Rechtschreibung. Wer persönlich wird, bietet selbst eine breite Angriffsfläche! Außerdem ist Mitleid und Barmherzigkeit keine Frage des Wohnortes, der sozialen Stellung oder des Bildungsniveaus.
  • Nimm reale Sorgen und Ängste ernst, selbst wenn sie Dir auf den ersten Blick nicht plausibel erscheinen, aber verurteile jede Form von daraus abgeleitetem Fremdenhass!
  • Mach Dich schlau über Querfrontstrategien, um diese zu erkennen und zu entlarven.

(Beitragsbild von: Bob Jagendorf, Lizenz: CC BY-NC 2.0)

Ein Gedanke zu „Warum ich (immer noch) mit Nazis diskutiere“

  1. Hallo Jörg
    Inzwischen habe ich mehrfach deinen Beitrag gelesen, weil auch ich erschüttert bin über die unzähligen negativen Reaktionen im Netz. Wenn einer sich traut etwas „für“ Flüchtlinge zu schreiben wird er zugeworfen mit Angst und Ablehnung. Am Sonntag habe auch ich einen entsprechenden Kommentar der begann mit: „wie dumm muss man eigentlich sein Ingrid W. …“ bekommen.
    Da habe ich zum zweiten mal deinen Block gelesen und bis ich mit einer Antwort so weit war, war der Kommentar verschwunden :-) Heute habe ich ihn wieder gelesen und ich bin beeindruckt wie viel Gedanken du dir gemacht hast und wie klar du die Situation im Netz analysierst. Ich danke dir für deine Hilfestellung und ich werde weiter auch meine Meinung äußern.
    liebe Grüße Ingrid

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